Sehe ich ganz anders. Banken vermitteln ja zwischen denen, die Geld brauchen (Kreditnehmern/Kapitalgesellschaften), und Anlegern/Sparern. Ihre Hauptaufgaben sind die Gewährung von Krediten (weil sie die Expertise zur Risikobewertung und das Potenzial für Geldschöpfung besitzen) und die Beratung von Anlegern; die Bereitstellung von Konten für die allgemeine Bevölkerung ist eher ein kleinerer und für die Gesamtwirtschaft unwichtiger Teil ihrer Aufgaben, aber ein wichtiger für sie selbst, da er ihre Bilanzsumme vergrößert (und somit ihnen Spielraum für die Kreditvergabe gibt).
[...]
Im
heutigen Bankenmodell gebe ich dir vollkommen recht, du hast hier die Kernaufgaben der Bank sehr gut beschrieben (wenn auch der Retail-Effekt in der Normalbevölkerung einen viel zu hohen Stellenwert innerhalb der Bank genießt, dem ist absolut nicht so ... aber das ist ein anderes Thema).
Ich sehe das jedoch so ... Der digitale Euro greift die genannten Fundamente (also die Einlagenfinanzierung, das Transaktionsmonopol und auch die Kundenbindung) an und macht so die Banken eher zu Dienstleistern der EZB statt zu den - wie es derzeit eben üblich ist - Intermediären. Man könnte es sogar so sehen, dass die EZB-Design-Features des digitalen Euros eben der Versuch sind, diese Erosion zu bremsen ... was aber gleichzeitig auch heißt, dass sich die EZB dessen vollkommen bewusst und damit das Risiko für die Banken real ist.
Die Angriffspunkte des digitalen Euros gegenüber dem klassischen Bankensystem sind hier mMn. folgende Punkte:
Direkte Disintermediation durch den Umstand, dass das Konto bei der EZB liegtDas Konto des CBDCs läuft ja über die EZB, dadurch entfällt der Bedarf einer klassischen Hausbank für den reinen Zahlungsverkehr (sowohl national als auch international) komplett ... und damit auch der Bedarf an der täglichen Liquiditätsbereitstellung. Das Girokonto ist DER Anker für die Kundenbindung, verliert die Bank diesen Anker, dann verliert sie gleichzeitig auch den Zugang zu Transaktionsdaten, Cross-Selling Möglichkeiten ("ah, sie brauchen eine Versicherung!") und günstigen Refinanzierungen über Sichteinlagen. Die EZB kann über das zentrale Konto nicht nur die Abwicklung steuern, sondern über die Limits, fehlender Verzinsung oder dem so genannten reverse Waterfalling (überschüssige Mittel werden zurück zur Bank geshiftet) die Nutzung lenken. Die kommerziellen Banken werden also durch die Nutzung des CDBCs durch die Kunden komplett abhängig von der EZB.
Geldschöpfung und KreditvergabeDeine Argumentation baut auf die Expertise der Banken bei der Risikobewertung und Geldschöpfung (durch Kreditvergabe) auf. Durch den digitalen Euro hat die EZB jedoch direkten Einfluss auf eben diese Geldmenge. Der digitale Euro ist zwar erstmal nur für die Privatkunden geplant, steigen hier jedoch auch Unternehmen mit ein so sinkt die Bedeutung des fractional-reserve Bankings (also die Geldschöpfung über Kredite) immens. Banken müssen dadurch nämlich selbst teurer refinanzieren, was die eigene Kreditvergabe deutlich (!) teurer und damit auch weniger attraktiv macht.
Die potenziellen Refinanzierungsbedarfe gehen nach (unseren) Schätzungen in die hunderte Milliarden Euro, was in diesem Szenario gleichzeitig auch Milliarden an Zusatzkosten durch die verlorenen günstigen Einlagen für die Banken bedeutet. Das alles zusammen schwächt weiter das oben angesprochene Intermediationsgeschäft (massiv).
Die SpargeschäfteAnschließend an meinen oben genannten Punkt der Spargeschäfte ...
Der digitale Euro startet ohne Verzinsung und mit Limits, aber in 20 Jahren könnte das komplett anders aussehen (z. B. mit programmierbaren Features, integrierten Anlageoptionen, Verzinsung, ...). Warum sollte ich als Kunde bei einer Bank sparen, wenn man direkt bei der EZB das Geld parken kann? Auch hier hat die EZB wieder eine massive Einflussnahme auf das Intermediationsgeschäft.
[...]Es gäbe sicherlich noch weitere Punkte die hier anführbar wären (Stabilität in Krisenzeiten, Kosten, Regulierungen, ...), das sind aber mMn. die für den Endkunden greifbarsten Argumente.
Natürlich gebe ich dir aber Recht: Mir ist ein dezentrales System deutlich lieber als ein zentrales System, das dann noch dazu alle (Finanztransaktions-)Daten aller Bürger hat und ggfs. auch die Verwendung des bereitgestellten Geldes steuern kann ... letzteres hätte schon deutliche dystopische Züge.
Wie Leute wie Hayek schon vor 100 Jahren herausgefunden haben funktionieren solche Angebot-Nachfrage-Vermittlungen am besten dezentral, also über den Markt. Gehen aber jetzt Banken reihenweise pleite weil niemand mehr ein Giro- oder Sparkonto will, dann wird dieses System immer oligopol/monopolartiger. Wenn am Ende die EZB auch noch die Kreditgewährung übernehmen würde, dann hätten wir ein Monopolszenario, und das ist wesentlich ineffizienter - das meine ich ja mit dem Hardcore-Stalinistischen System. Insgesamt würde das der Wirtschaft ziemlich sicher schaden.
Hier muss man denke ich aufpassen ... Hayek kritisierte ja die zentrale Planung und monopolistisches staatliches Geld.
Das heutige fractional-reserve-Bankensystem ist schon lange kein freier Markt mehr, da es auf staatlichen Garantien (Einlagensicherung), impliziten Bailouts, starker Regulierung und eben der EZB als so genannten "Lender of Last Resort" basiert.
Es ist damit jetzt schon ein stark kartelliertes, privilegiertes Oligopol. Ein digitaler Euro könnte hier (zumindest kurzfristig) sogar mehr Wettbewerb ermöglichen, bspw. durch FinTechs, die leichter auf einer einheitlichen europäischen Infrastruktur aufbauen könnten. Auch wären wir Europäer dadurch am internationalen Finanzmarkt (wiederrum kurzfristig) sogar etwas weniger abhängig von großen US-basierten Zahlungsanbietern wie PayPal, die jetzt dieses Feld fast komplett ausfüllen - Klarna mal etwas außen vor gelassen, da Klarna international quasi keine Rolle spielt.
Das wäre hayekianischer als der Status quo, wo wenige Institute "too big to fail" sind

Bezüglich dem internationalen Wettbewerb noch ganz kurz ...
Es baut ja nicht nur die EU am digitalen Euro, auch bspw. China drängt massiv in diese Richtung, auch Stablecoins schlagen in diese Kerbe.
Man könnte das auch so sehen (auch wenn ich wie gesagt absolut kein Fan des digitalen Euros bin): Ohne digitalen Euro verliert Europa Souveränität an private (also US-amerikanische oder chinesische) Anbieter, dadurch hätte man einen echten Wettbewerbsnachteil, da man komplett von Fremdsystemen abhängig ist und auch die Einnahmemöglichkeit durch Gebühren verliert. Etabliert sich ein anderes System schneller/stärker, so hätte man ohne digitalem Euro auch deutlich weniger Kontrolle über die Zahlungsdaten und die Geldpolitik ansich. Stell dir vor, Europa hätte kein System und der etablierte internationale Zahlungsdienstleister digitaler Währungen verlangt immense Gebühren für die Abwicklung von (dann) Steinzeit-Protokollen wie SEPA ...
Mit einer rosaroten EU-Brillte könnte man also sogar sagen: "Der digitale Euro stärkt die europäische Autonomie" - natürlich stark überspitzt, aber ich denke du weißt, was ich meine.