Aber eine Frage stelle ich mir immer und die lässt mich auch nie los: Krugman ist Nobelpreisgewinner, d.h., dass er intellektuell nun wirklich zur Elite gehört und vor allem komplexe Zusammenhänge ausdifferenzieren und verstehen kann und vielleicht sogar Konsequenzen projizieren kann. Wenn so jemand das Fehlen der Fundamentals und des intrinsischen Werts bei Bitcoin kritisiert, weiß der das dann wirklich nicht besser oder ist er aus irgendeinem Grund einer Ideologie verpflichtet, die es ihm nicht erlaubt, ausgerechnet diese Innovation für gut und sinnstiftend zu befinden?
Ich habe mal in Krugmans Artikeln zu Bitcoin (nicht vollständig) herumgekramt und es scheint eine Mischung aus zwei Dingen zu sein:
Einmal tatsächlich, ein ideologisches Problem (er spricht ständig von der libertären Ideologie Bitcoins) - und ich vermute, aus diesem Grund hat er sich nicht wirklich tiefgründig mit Bitcoin auseinandergesetzt. Es gibt ja weitere Meinungen von ihm, die in bestimmten Gebieten stark nach Dunning Kruger riechen ("ich bin Wirtschaftsexperte! also habe ich zu allem was nur irgendwie mit Wirtschaft zu tun hat, eine fundierte Meinung!"), z.B. zur angeblichen Irrelevanz des Internets (1998). Ich vermute, dass Bitcoin auch nicht zu seinen Kerngebieten gehört, schließlich ist Wirtschaftstheorie ziemlich umfangreich.
Aber dann gibt es ein konkretes Argument, das mehrmals in seinen Texten auftauchte und durchaus diskussionswürdig ist: Bitcoin habe keinen
Mindestpreis. Der Dollar habe einen, weil die USA damit Steuern einziehen, Gold, weil sich daraus Juwelen und Industriestuff machen lassen, usw. Es ist tatsächlich schwierig, eine Theorie über einen Bitcoin-Mindestpreis aufzustellen. Leute wie unser Forist @franky1 behaupten ja z.B., dass der Mining-Produktionspreis mit der billigsten Elektrizität dieser Mindestpreis wäre. Die Difficulty hat allerdings auch keinen Mindestwert, folglich gibt es auch keinen Mining-Mindestproduktionspreis.
Eher interessant wäre eine Annäherung wie sie @virginorange
hier versucht hat (bei Teilen seiner Argumentation bin ich anderer Meinung, aber dem Kern stimme ich zu): Wenn ein "dezentrales Computer-Internet-Geld" irgendeinen Nutzen hat, dann könnte der Mindestpreis der niedrigste Preis sein, bei dem sich die Nachfrage zu diesem Geld befriedigen lässt. Und da Bitcoin das beste und sicherste Computer-Internet-Geld ist, wird es einen großen Teil dieser Nachfrage bedienen.
Auf ein konkretes Beispiel bezogen: Nehmen wir an, es gibt einen weltweiten Remittancemarkt von 1 Billion USD. "Computer-Internet-Geld" ist die günstigste und beste Geldart, um Geld per Remittance zu verschicken. Deshalb wird
in einem reifen Markt (in dem also tatsächlich immer die effizienteste Lösung verwendet wird, also zu großen Teilen das sicherste Computer-Internet-Geld: Bitcoin) mindestens 50% des Remittancemarkets von Bitcoin bedient werden. Das wären 500 Milliarden USD.
Das war jetzt nur ein Beispiel mit erfundenen Zahlen, aber solche Use Cases müsste man dann zusammenstellen. Natürlich dabei immer die günstigste Technologie (z.B. Lightning) wählen - sonst wäre Altcoin-Competition ein Gegenargument (das auch Krugman mal irgendwo erwähnt hat). Und irgendwann hätte man zumindest einen Anhaltspunkt für einen Mindestpreis.